Um 9 Uhr fahren wir zum Depot und beladen den Anhänger mit den Kisten für Touba Toul und für Keur Banda.
In Touba Toul steht die vom Antonius Gymnasium mitfinanzierte Gesundheitsstation, die 2006 eröffnet wurde. Die Station erhält medizinisches Verbrauchsmaterial. Für Keur Banda werden Kleidung, Stoffe, Nähmaschinen, Garn und Kuscheltiere gepackt, ebenso eine Motorhacke.
Mit dem Nissan und dem alten Kadett machen wir uns auf den Weg. Einige Kilometer vor Touba Toul steht in einer Ansiedlung ein alter Seecontainer von uns, der zu einer Schneiderei umfunktioniert worden ist. Die Schneider und Schneiderinnen arbeiten hier auf Bestellung und wir bewundern die schicken Teile, die auf Abholung warten. Die zwei Nähmaschinen und das Garn werden ausgeladen.

Ein paar Kilometer weiter biegen wir von der geteerten Hauptstraße ab auf die Piste nach Touba Toul. Sofort gehen unsere beiden Fahrzeuge auf gehörige Distanz voneinander – die Staubwolken merkt man sonst noch beim Abendessen zwischen den Zähnen…
Wellblechpiste und Weichsandstellen, Ziegenherden, ein paar wenige Motorräder und Autos, Fußgänger und dann taucht der Ort vor uns auf. Etwa 42 000 Einwohner zählt Touba Toul inklusive der umliegenden Ortschaften. Die Gesundheitsstation liegt direkt an einem großen Platz am Ortseingang. Sie ist unterteilt in Allgemeinmedizin und Geburtshilfe/Gynäkologie. Wir werden vom Stationsleiter und der leitenden Hebamme durch das Haus geführt. Die gesamte Anlage macht einen guten Eindruck. Auf der Geburtsstation dürfen wir zwei Wöchnerinnen mit ihren ganz kleinen Babys besuchen.
In einem Gespräch mit der Hebamme erfahren wir, dass im letzten Jahr über 900 Kinder zur Welt gekommen sind. Von Januar 2010 bis heute sind es bereits 223 Kinder.
Die Prognosen für den Senegal – und für den ganzen afrikanischen Kontinent – sind, dass sich die Bevölkerungszahlen bereits in der nachfolgenden Generation verdoppeln werden. 50 % der Einwohner erreichen in den nächsten 10 Jahren Geschlechtsreife. Diese Perspektive ist alarmierend: die bereits jetzt schon knappen Ressourcen können nicht in der gleichen Zeit vergrößert werden, wenn überhaupt verdoppelt. Der Strom in die reicheren Nationen und damit deren Sozialsystem wird zunehmen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Familienplanung in Afrika greift. So wichtig, dass die Bildung auch der Frauen steigt. So wichtig auch, dass die Senegalesen hier in ihrem Land für sich eine Zukunft sehen.
Bereits im Vorfeld und wenn wir hier sind auch jeden Abend in der Feedbackrunde hinterfragen wir unsere Maßnahmen kritisch, diskutieren auch mit den Senegalesen. Denn „Entwicklungshilfe“ hat immer mindestens zwei Seiten.
Wir fragen die Hebamme nach den bereits laufenden Maßnahmen bei der Familienplanung. Kinderreichen Frauen, oder jenen, die innerhalb kurzer Zeit schwanger werden, wird nach der Entbindung geraten zu verhüten. Notfalls erhielten die Frauen auch gegen den Willen des Mannes eine 3-Monats-Spritze oder die Pille, erklärt die Hebamme. Wir fragen nach, ob es denn auch für die Männer in Frage komme, zu verhüten. Den anwesenden Senegalesen merkt man förmlich das Unbehagen an - solche Themen werden nicht gern öffentlich diskutiert. Der Apotheker erklärt, es würden etwa fünf Männer pro Tag Kondome verlangen. Diese werden kostenlos abgegeben wie auch die Verhütungsmittel für die Frauen.
Wir ermutigen die Hebamme, bei der Beratung der Frauen die Verhütung noch stärker einzubringen und darauf hinzuweisen, dass dank der Gesundheitsstationen die Säuglingssterblichkeit sinkt.
Natürlich ist auch das Flachdach ein Thema, das 2009 von der letzten Senegal-Truppe abgedichtet worden war. Bei der letzten Regenzeit ist kein Wasser mehr ins Gebäude eingedrungen. Das ist eine gute Nachricht!
Nachdem wir die Kisten mit dem Injektionsmaterial, Binden, Tücher etc. abgeladen haben, machen wir Mittagspause im Hof der Gesundheitsstation.
Mit den Kleiderkisten und Kuscheltieren im Anhänger fahren wir anschließend nach Keur Banda.
Zurück über die Piste, auf die Hauptstraße und wieder auf eine Piste.

Und da passiert es. Plötzlich sagt es im 22 Jahre alten Kadett knack und der Wagen bleibt stehen. „Aha, im Sand eingebuddelt“, denken wir uns und steigen aus um es beim Schieben leichter zu haben. Doch die Antriebsräder drehen sich überhaupt nicht. Ein kurzer Blick von Franjo unters Auto bestätigt: die Gelenkwelle ist kaputt.
So heißt jetzt die afro-germanische Lösung, 8 Leute in den Nissan, 3 Mann in den Anhänger und weiter geht‘s.
Wir werden schon erwartet. Der Dorfvorsteher, einige Frauen und Kinder sitzen bereits unter dem schattenspendenden Baum. Und aus allen Ecken strömen Kinder und Frauen herbei, dann auch junge Männer. Die Begrüßung ist sehr herzlich.

Viele Kinder fragen nach Lukas. Lukas Groß hat im vergangenen Jahr zusammen mit den Bewohnern von Keur Banda das Gartenprojekt betreut und unter anderem 120 Papaya-Pflanzen gesetzt. Auf Nachfrage erfahren wir, dass es insgesamt gut gehe, dass sie im Garten aber einen erheblichen Rückschlag einstecken mussten. Der landwirtschaftliche Berater hätte leider nicht oft genug kommen können und sie haben dann aus Unkenntnis den Dünger falsch dosiert. Sämtliche kleinen Tomaten- und Kohlpflanzen die gewachsen sind, sind in der Hitze verbrannt.

Es ist ein trauriges Bild, das sich uns im Garten bietet. Die Tröpfchenbewässerung funktioniert, der Boden ist 2 cm unter der Oberfläche feucht, aber von den Jungpflanzen ist nichts mehr übrig.

Auch sind Erdhörnchen eine Plage. Sie durchwühlen den Boden und fressen die Schösslinge.
Aliou wird einen Plan erstellen, wie die Gartenbewirtschaftung besser aufgeteilt und die benötigte fachliche Hilfe organisiert werden kann.
Um die Arbeit im Garten etwas zu erleichtern, wird eine gespendete Motorhacke übergeben.

Kerstin lässt es sich nicht nehmen den großen Sack Kuscheltiere an die Kinder zu verteilen. Sie sucht sich einen Platz neben dem Baum und verschwindet beinahe in der Traube Kinder. Mit Bedacht teilt sie die Tiere und Puppen aus. Doch dann nehmen ihr zwei Männer aus dem Dorf den Sack aus der Hand, reißen die Tüte auf und alle, aber wirklich alle Kinder, Mädchen und junge Frauen stürzen sich gierig auf die begehrten Kuscheltiere. Tränen fließen bei den Kleinsten, fröhliches Kreischen bei den Größeren. Dann sind alle Tiere in irgendwelchen Händen, verlorene Schuhe werden wieder eingesammelt und dann werden die Kuscheltiere munter getauscht.

Mit all den bunten, teilweise befremdenden Eindrücken fahren wir wieder zurück nach Thiés. Dass man sich wegen eines Stofftieres mit zig anderen auf den Boden wirft und rauft, dass ein Hektar Gemüse wegen fehlender Beratung eingeht, dass Frauen mit 45 ihr 12. Kind entbinden, dass …
Der Tag findet aber einen sehr gelungenen Abschluss. Heute ist der Bürgermeister wieder zurück in Thiés und empfängt uns persönlich. Es ist ein sehr angenehmes, freundschaftliches Gespräch. Der Bürgermeister ist sehr engagiert, die Müllproblematik der Stadt in den Griff zu bekommen. Der gespendete Müllwagen wird demnächst verschifft werden. Die lockere und angeregte Unterhaltung dauert fast zwei Stunden. Als das Thema Grundstück für die O.N.G. angesprochen wird, schlägt Bürgermeister DIATARA sogar vor, die zwei möglichen Parzellen einfach zu besichtigen. Gerne nehmen wir diesen spontanen Vorschlag an und fahren mit ihm in das neue Baugebiet Richtung Mont Rolland. Das liegt nicht weit von unserem jetzigen Depot. Das Angebot gefällt uns sehr gut. In einer lockeren Atmosphäre wird das Treffen beendet und alle kommen beschwingt zurück ins Hotel. So ist das eben auch: Erfolg und Rückschlag liegen nahe beieinander.

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