Wir sitzen alle beim Frühstück und warten auf den Anruf des Spediteurs, der heute den Krankenwagen aus dem Zoll lösen will. Die letzte Aussage ist, dass er um 8 Uhr die Unterschrift beim Zollamt holen kann und das Fahrzeug dann frei ist. Wir warten.
Um 8:20 Uhr kommt ein Anruf vom Spediteur, dass er gerade eben im Hafen eingetroffen ist, die Zollbeamten seien aber noch nicht da. - So ist es oft hier. Die Abläufe dauern enorm lange und keiner weiß genau, ob eine Zusage zeitlich eingehalten wird. Irgendwann dann ja, Inschallah.
Wenn man hier lebt, fügt man sich in dieses System ein, und es ist auch gar nicht so fatal, dieses „komm ich heute nicht, komme ich morgen„. Nur hindert diese Haltung ein Wirtschaften, so wie wir es kennen. Überhaupt ist es die Herausforderung, über den eigenen Tellerrand gucken zu können. Und dabei zu merken, wie hoch dieser ist…
Die Frauen und Christoph sind um 9 Uhr dann doch gestartet. Sie besuchen Dakar und die ehemalige Sklaveninsel Gorée. Die anderen bleiben im Hotel zurück und warten noch eine Weile auf die Nachricht vom Zoll, gehen am Mittag dann aber zu Plan B über.
Eine Delegation fährt zur DIDEC, um die Schulpatenschaftsgelder zu überreichen. Deutsche Schulpaten unterstützen aktuell 324 Kinder finanziell beim Schulbesuch, der durch unsere O.N.G. und die DIDEC (Direction Diocésaine de l'Enseignement Catholique de Thiès) organisiert wird.
Die andere Gruppe packt 200 Säcke Reis und bringt sie zu der Sozialstation der Stadt Thiés. Diese unterstützt bedürftige und behinderte Menschen. Die offizielle Übergabe der Reisspende wird für Freitag geplant.
Danach fährt die Gruppe nach Pambal und überbringt die vereinbarten medizinischen Hilfsgüter. Die Gesundheitsstation erhält ebenfalls das Honorar für die Matronen. Die O.N.G. unterstützt die Tätigkeit der Hebammen, damit sie die Frauen aus den umliegenden Orten in die Gesundheitsstation begleiten können.

Die „Touristen-Gruppe“ ist unterwegs in die Metropole. Wir wollen etwas über die Vergangenheit Afrikas erfahren und auch noch andere Regionen und Städte sehen.
Auf halber Strecke erreichen wir Rufisk. Wie auch Thiés vergrößert sich diese alte Hafenstadt rasant. Im Stop‘n‘go Tempo rollen wir über die Hauptstraße und queren Kreisverkehre. Das einfahrende Fahrzeug hat übrigens Vorfahrt… So manches mal tritt man hier als Beifahrer auf die imaginäre Bremse. Oder sieht es gelassen und beobachtet das Treiben auf dem Schafmarkt, die Händlerinnen mit Obst und Gemüse, die Karren mit Schuhen, den Sonnenbrillenverkaufsstand, die Straßenverkäufer mit den Telefonkarten. Ndiaou erklärt, dass man im Senegal in kein Geschäft zu gehen brauche - bei den Sträßenhändlern könne man alles kaufen.
In Rufisk besuchen wir noch kurz die Feuerwache. Auf dem Gelände gibt es eine Krankenstation, die nicht nur die Feuerwehrleute sondern auch die Einwohner der Umgebung versorgt. Selbst der stationäre Aufenthalt von ein paar Leuten ist möglich - und dies kostenlos. Einzig die Medikamente müssen die Zivilisten selber bezahlt werden.
Wir Frauen haben uns gesagt, dass wir möglichst alle passablen Einrichtungen für die „sanitäre Entspannung“ nutzen werden. Vorsorglich. Danach geht es weiter.
Als wir die Vororte von Dakar erreichen, ist wieder Stau - wie gut dass wir nicht mehr müssen…
Jedoch kriegt jetzt der Hotel-Bus ein Problem. Das Kupplungspedal fällt ständig nach unten, die Kupplung trennt nicht mehr richtig, der Motor stirbt ab oder die Gänge lassen sich nur noch mit viel Glück schalten. Uns schwarnt Böses. Wir rufen Franjo an um zu fragen, ob wir eventuell auch selber irgendwo Öl nachfüllen können, oder ob eine Werkstatt notwendig sei. So fahren wir dann zur nächsten Tankstelle - das dauert auch nochmals eine gute halbe Stunde Bangen. Angekommen fährt Ndiaou den Mitsubishi über die Grube der Tankstellenwerkstadt. Der Wart guckt in den Motorraum und stellt schon mal fest, dass das Öl für die Servolenkung komplett fehlt und dass das Motoröl auch nicht mehr gut ist. Wir Frauen sagen, dass nicht das das Problem sei und man dieses jetzt nicht beheben müsse. Ein Blick unter den Wagen genügt um zu sehen, dass da etwas kaputt ist - es tropft wie ein Wasserhahn.

Der herbeigerufene Mechaniker erklärt uns dass der defekte Kupplungsnehmerzylinder (so heißt das Ding, erfahren wir von Franjo) in 15 Minuten auszutauschen sei. Das ganze koste 11.000 CFA. Nebenher läuft unsere Hotline mit dem Hotel in Thiés und wir fackeln nicht lange und lassen den Schaden beheben.
Gerade passend fahren wir auf das Hafengelände, kaufen uns Tickets für die Überfahrt nach Gorée und gehen an Bord.
Die Seeluft wirkt entspannend und wir atmen erst mal auf, dass wir heile angekommen sind und doch noch unsere Fahrt auf die Insel machen können.


Auf Gorée suchen wir uns erst mal ein Plätzchen fürs Mittagessen. Es gibt Lotte, Reis, Pommes, Bratkartoffeln, Steak und Thunfischsalat. Gestärkt starten wir unseren Inselrundgang mit Aladi, einem Einheimischen, der 10 Jahre in Deutschland gelebt hat und nun wieder auf die Insel zurückgekehrt ist.

Während der Kolonialzeit wurden Millionen von Afrikanern als Arbeitssklaven nach Amerika verschifft. Sowohl in Nord- und wie auch in Südamerika wurden die Männer für die Feldarbeit, als Diener, die Frauen als Dienstmägde und Arbeiterinnen missbraucht.
Gorée und das „ehemalige Sklavenhauses“ stehen heute als Sinnbild und Mahnmal für dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte. Die Menschen wurden wie Vieh gefangen, zu den Küsten transportiert, eingepfercht, gemästet, missbraucht und teilweise regelrecht gezüchtet. Pferdesklaven wurden sie genannt. Die Weißen behaupteten, Afrikaner hätten, ebenso wie die Tiere, keine Seele.

Im späten 18 Jahrhundert löste sich im Zuge der Aufklärung die Sklaverei bzw. die Bezeichnung als solche auf. Jedoch ist das ein Grund auch heute darüber nachzudenken, welche Haltung die reichen Nationen gegenüber Afrika einnehmen.

Und es ist auch interessant zu erfahren, wie schwierig für die Afrikaner selber die „Wiedervereinigung“ ist, zwischen jenen in Übersee geblieben und derjenigen, die zurückgeblieben sind. Dazu gibt es auf Gorée ein Monument, das mit einer symbolischen Wurzel und einem Schiffsteil diese Wiedervereinigung abbildet.


Neben der traurigen Thematik zeigt uns Aladi die Insel als buntes Künstleratelier. Er erklärt, dass der ehemalige Staatspräsident Senghor den Kunsthandwerkern und Künstlern zugesichert habe, sie können auf Gorée kostenlos wohnen. Diese hausen nun in den alten Festungsbunkern, in Zelten oder einsturzgefährdeten Häusern und bestreiten ihren Lebensunterhalt mit dem Erlös aus ihrer Kunst. Knallige Farben und witzige Ideen begeistern uns und das eingesteckteTaschengeld geht schnell zur Neige.


Wir nehmen die Fähre zurück ans Festland und schließen unseren Tag in Dakar mit einer Tour durch das Regierungsviertel ab und umrunden die „Corniche“. Der Landzipfel, der in den Atlantik herausragt, ist bebaut mit traditionellen Stadthäusern, Villen, Hotels, Läden und Blechhütten und vielen angefangenen Gebäuden. Am Strand sind viele Sporttreibende unterwegs - auch Frauen.
Am Horizont taucht auf einem Hügel die neue Statue der Afrikanischen Renaissance auf. Ein gigantisches Monument, höher als 50 m, das von einem koreanischen Unternehmen hier aufgebaut wurde. Im Innern der Statue sollen sich ein Museum, Konferenzräume, ein Aussichtsrestaurant, Shops etc. befinden. Neben dem breiten Treppenaufgang flattern die Nationalflaggen der 53 Staaten Afrikas im Wind. An dem Projekt haben sich mehrere afrikanische Staatsoberhäupter beteiligt.


Wir erreichen in der Dämmerung dann die Baustelle, die wir bereits von unserer Ankunft her kennen. 5 Spuren verengen sich auf eine Sandpiste. Straßenhändler laufen den Fahrzeugen entlang und versuchen ihre Ware an den Mann zu bringen. Mit einem von ihnen gibt es eine interessante Begegnung. Er verkauft Frottiertücher. Er unterhält sich mit Ndiaou und fragt, ob nicht wir Touristen solche Tücher gebrauchen könnten. Ndiaou erklärt, dass wir alles bereits im Koffer mitgebracht hätten und selbst im Hotel würden Frottiertücher für uns bereitliegen. Wir hätten keinen Bedarf. Er selber würde es sich aber noch überlegen. Daraufhin antwortet der Händler: „siehst du, deren Großväter haben gut für sie vorgesorgt. Unsere Großväter haben das versäumt.“
Nach gut einer Stunde sind wir durch, dann noch eine Stunde für Rufisk und dann geht es in rasendem Tempo über die Landstraße nach Thiés. Wir sind alle etwas müde und doch auf aufgedreht wegen des ereignisreichen Tages. Die Männer begrüßen uns mit einem Flag, Currywurst, Pommes und Salat. Nett, dass sie sich so um uns kümmern - jetzt brauchen sie auch nicht mehr hinter uns her zu telefonieren, wir sind wohlbehalten zurück :-)