So, nun bin ich also zurück.
Das waren jetzt vier sehr aufschlussreiche Tage, in jeder Hinsicht. Nicht nur für meine Forschung, sondern auch was das Leben im Dorf angeht.
Es begann Dienstag Abend. Ich saß mit einigen jungen Leuten des Dorfes (vom sozialen Rang her gehöre ich zu ihnen) vor einem Hauseingang, Grillen zirpten im Abendwind, und der Himmel wurde immer wieder vom Wetterleuchten erhellt. Bei jedem Blitz konnte man sehen, wie die Wolkenfront von Osten näher kam. Wir tranken Tee und unterhielten uns, bis der Wind gegen zehn Uhr abends plötzlich nachließ, um dann mit doppelter Stärke wieder einzusetzen. Aus Erfahrung wusste ich, dass mir nun nur noch wenige Minuten für den Heimweg (c.a. 100m bis zu "meinem" Haus) blieben. Ich erreichte es zusammen mit den ersten Tropfen, und dann folgte ein Gewittersturm, wie ich ihn noch nie erlebt habe: Der Regen donnerte auf das Wellblechdach des Hauses, Wasser spritzte zu den Ritzen von Fenstern und Türen herein, und wenn man die Tür einen Spalt weit aufmachte, konnte man einen reißenden Wasserlauf direkt vor der Stufe zur Tür sehen.
Am nächsten Morgen wurde das Ausmaß der Zerstörung sichtbar: Tiefe Rinnen im Sand zwischen den Hütten, davongetriebene Bettlaken und Schuhe, ein eingestürtzter Zaun, in einem der anderen Häuser die zusammengebrochene Küchenhütte (die Wände waren eingestützt, das Dach lag auf dem was vorher der Herd gewesen war), und in der Schule stand eines der Klassenzimmer, welches aus Stroh gebaut war, nur noch zur Hälfte.
Dennoch sagte man mir, das sei noch gar nichts! Das würde noch viel schlimmer werden, wenn die Regenzeit erstmal richtig angefangen habe...
An diesem ersten Vormittag wurde ich kurzerhand in das System des Wasserverkaufens einbezogen, und zur Wasserverkäuferin ernannt. Die nächsten drei Stunden füllte ich zur Freude der Frauen Wassereimer um Wassereimer.
Am Abend wurde im Fernsehen eine indische Seifenoper gezeigt, eine völlig idiotische Geschichte, aber alle gucken das mit Begeisterung...
Tag drei begann mit einem Wasserproblem: Kein Diesel für die Pumpe, sie hatten vergessen, welchen zu kaufen. Also füllten die Frauen ihre Eimer an einem der anderen Wasserhähne, die mit dem Wasserturm eines Nachbardorfes verbunden sind und der Ergänzung der eigenen Kapazitäten dienen. Hier jedoch war der Wasserduck so niedrig, dass es ewig dauerte, einen Eimer zu füllen, und außerdem war der Zähler kaputt, so dass es mit der Abrechnung mit dem Nachbardorf am Monatsende schwierig werden wird.
Nachmittags konnte ich dann noch einge aufschlussreiche Gespräche führen, wobei ich immer wieder überrascht bin, wenn plötzlich noch völlig neue Aspekte auftauchen.
Anschließend, gegen sieben, wird es auch schon Zeit für eine Dusche, bevor es so dunkel wird dass man nichts mehr sehen kann. Duschen kann man übrigens mit einem aufgeschnittenen Wasserkanister und einem alten Plastikbecher als Schöpfgefäß. Trotzdem ist das der schönste Moment des Tages!
Mein letzter Abend war der ruhigste: Tee mit den jungen Leuten, anschließend Abendessen mit "meiner" Familie, die mir zu Ehren Milchreis gekocht hatten. Leise Gespräche unter dem Sternenhimmel, von Ferne die Stimmen von Kindern, die wie jeden Donnerstag Abend aus dem Koran rezitieren, dazu Grillen, und Katzen, die in der Dunkelheit angeschlichen kommen.
Mein letzter Vormittag war dem Holz gewidmet. Da ich ja nun wirklich TEILNEHMENDE Beobachtung mache, ist es selbstverständlich, dass ich an den Aktivitäten im Dorf teilnehme. Zusammen mit meiner "Gastmutter" habe ich etwa 2 Ster Brennholz zu einem ordentlichen Stapel aufgeschichtet. Fanden die Dörfler köstlich: ne Weiße die Arbeitet. Mit den Händen. Im Dreck. Bei 35°C und 80% Luftfeuchtigkeit. Mir hats Spass gemacht, und die Dusche danach tat mal so richtig gut!
Diese Zeit war eine tolle Erfahrung, und hat richtig Spass gemacht. Trotzdem war ich gestern froh, dass mein Abendessen mal nicht aus Reis bestand, und dass meine Matratze nicht auf dem Betonboden lag!
Das leben im Dorf ist weder romantisch noch idyllisch. Es ist laut, fröhlich und anstrengend. Du bist nie allein, was für einen Europäer manchmal recht anstrengend sein kann. Und es gibt IMMER irgendeine dringende Arbeit.
Feldforschung auf diese Weise ist etwas ganz besonderes, und ich versteh natürlich, warum man das so machen sollte. Dennoch: ich rate jedem davon ab, so etwas über längere Zeit ganz allein zu machen. Es geht sicherlich besser, wenn man ein Team ist, und auch mal was unter sich besprechen kann, sich etwas von der Fremde zurückziehen kann, um ihr anschließend wieder besser begegnen zu können.
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